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#023: Franchise Übernahme eines REWE City – Ohne Nachfolgestruktur geht es nicht

Letzte Aktualisierung des Artikels am 12. Juli 2022 von Lars

Unser Gast heute ist Sulaf Ahmed. Er hat 2002 von seinem Vater einen Rewe City in Berlin übernommen. Nach seiner Lehre zum Einzelhandelskaufmann ist er zunächst für ein Jahr in den Laden von seinen Eltern mit eingestiegen. Heute arbeitet er seit 21 Jahren im Handel und erzählt uns, warum die Nachfolgestruktur so wichtig ist.

Sie haben das Unternehmen von Ihrem Vater übernommen. Wie ist es dazu gekommen? Haben Sie noch Geschwister oder war das von vornherein klar, dass Sie übernehmen?

Ich habe noch Geschwister. Mein älterer Bruder hat sich nach einer Findungsphase für ein Studium entschieden. Für mich war sehr früh klar, dass ich machen wollte, was mein Vater macht. Er war einer der ersten Spar-Händler hier in Berlin. Er hatte seinen ersten Markt in einem U-Bahnhof, da habe ich schon mit zwölf in den Ferien oder am Wochenende dem Papa ein wenig geholfen und z.B. Handzettel verteilt.

Richtig begeistert war ich dann, als mich mein Vater zu großen Warenbörsen und Veranstaltungen von Spar mitgenommen hat, da habe ich so einen Konzern kennengelernt. Mit 15 war das Interesse dann richtig da. Mein Vater hat aber nie gesagt, dass ich das machen muss, es war bis dahin nie Thema. 

Ich habe mich entschieden, eine Lehre zu machen. Man wusste bei Spar, dass mein Vater ein guter Händler war und die Spar Handels AG hatte ein Programm für die Einführung in die Selbstständigkeit für zwei junge Menschen pro Jahr, meistens für Jungkaufleute oder Kinder von Unternehmern. Da hatte ich dann ein Dreivierteljahr eine Einarbeitung als Vorbereitung, um danach eine Filiale zu übernehmen. Mein Vater hat dann das Angebot bekommen, den Markt hier, wo ich heute sitze, zu übernehmen. Er war da schon Mitte 60 und hat gesagt, okay, für dich würden wir das nochmal machen. Wir gehen von der Spar weg und übernehmen diesen Bolle-Markt hier in der Potsdamer Straße. Und da kam ich dann ein halbes Jahr vorher zu meinen Eltern in den Laden. Das war eine heiße Phase, weil mein Vater hat den Markt mit meiner Mutter aufgebaut und das war erst nicht so einfach zwischen uns beiden, dass ich mit so viel Veränderungslust komme. Wie das so ist mit Anfang 20.

Dass wir gemeinsam als Familie hier in der Potsdamer Straße angefangen haben und nicht nur ich als neues Familienmitglied, hat es für mich ein bisschen einfacher gemacht. 

Da gab es am Anfang natürlich so viel zu tun, dass die Aufgabenbereiche für drei Leute ganz klar geregelt waren, damit wir stabil werden konnten. Das hat knapp ein Jahr gedauert. Parallel hat sich mein Vater immer weiter zurückgezogen, weil er mit der zunehmenden Digitalisierung nicht so klargekommen ist. Die Stärke von meinem Vater und meiner Mutter war diese extreme Kundenbindung aufzubauen. Ich habe mich eher um die Ware gekümmert und um die Technik, die wir vom Konzern gestellt bekommen haben. Mein Vater hat die Buchhaltung weitergemacht und ich habe die nur Schritt für Schritt übernommen. Denn Löhne zu zahlen, da war ich noch nicht so fit drin. Ich kannte natürlich die Systeme, wusste auch, wie man den Markt leitet und wie man Obst und Gemüse auspackt und alles, was dazugehört. Aber bis ich mir alles angeeignet hatte von meinem Vater, was zur Selbstständigkeit gehört, hat es schon ein paar Jahre gedauert.

Jetzt bin ich seit dem 1. März 2002 im Markt.

Eine starke Marke fördert die Nachfolgestruktur und hilft beim Unternehmenswachstum

Wie hat sich denn der Markt bis jetzt entwickelt?

Wir haben unseren Umsatz unter dem Namen Rewe mehr als verdoppelt über die 15 Jahre. Ein sehr großer Wachstumsschub kam mit der Umstellung auf Rewe City in 2011. Auch viele Läden meiner Kollegen sind stark gewachsen, weil der Name Rewe in den letzten Jahren viel Gas gegeben hat und die Leute sich flächendeckend was darunter vorstellen konnten. Der Name “Bolle” war zwar schön und hat auch viele ältere Leute angezogen, aber man konnte ihn nicht so richtig wahrnehmen, hinter dem Namen Rewe war mehr Drive. (Anm. d. Red.: “Bolle” war eine traditionsreiche Lebensmittelkette, die 2011 von Rewe aufgekauft wurde, nach fast 80 Jahren Bestand.)

Das ist eine besondere Rolle als Unternehmer: Sie sind in dieser Organisation ein selbständiger Kaufmann, der einen Markt innerhalb eines Konzerns betreibt.

Ja, richtig! Ich habe noch einen alten Vertrag, damit bin ich zu 100 % selbständig. Heute gründen die meisten eine OHG, eine Firma zusammen mit der REWE. Da gibt es mehr Regulierungen. 

Ich habe zum Beispiel mich und meinen Markt an mein Umfeld angepasst. Über 50 % der Kunden haben einen Migrationshintergrund; wir haben deshalb u.a. viele türkische und russische Produkte. Diese Freiheit der Warenauswahl habe ich in die REWE-Welt gebracht. Das war für die anfangs nicht so einfach zu akzeptieren, hat mich aber an meinem Standort sehr weitergebracht, und aufgrund der Gegebenheiten mussten wir uns dann auch nicht zu 100 % an Rewe anpassen. Das ist bis heute vorteilhaft, denn die Entscheidungen kommen zwar aus Köln, aber ich denke schon, dass der Kaufmann vor Ort am besten weiß, was für seinen Markt richtig ist. Ich stelle auch fest, dass Rewe da offener geworden ist in den letzten Jahren: Sie lassen ihre Kaufleute immer mehr entscheiden, auch in wichtigen Entscheidungen werden wir einbezogen. Auch wenn der Name groß ist, wollen wir individueller werden. 

Das ist ein wichtiger Hinweis für interessierte Nachfolger, sich das Franchise-Konzept genau anzusehen, und zu schauen, wie groß die Entscheidungsfreiheit ist, die sie selbst haben als Unternehmer.

Ja. Gleichzeitig müssen Sie Rewe fragen, wenn Sie Kinder haben oder andere familiäre Verhältnisse und Sie möchten, dass jemand aus ihrem Kreis übernimmt. Das war bei meinem Vater und mir der Fall und ich hoffe mal, dass ich bei meinem Sohn niemanden mehr fragen muss. Es ist wichtig, dass man die Nachfolgestruktur selbst bestimmen darf und nicht einen Partner fragen muss.

Dass die Entscheidungsfreiheit eine Chance ist, machen sich die wenigsten Unternehmer klar. Aber der Partner hat ja ein eigenes Interesse daran, dass es die Märkte gibt und unterstützt diese Nachfolgestruktur auch, oder? 

Das ist richtig. Im Großen und Ganzen wollen immer beide Partner den Erfolg und natürlich werden die Kinder von Händlern auch besonders behandelt, wie z.B. durch diese jährlichen Förderprogramme. Eine große Firma ist auch eine Auffangmatte, es gibt viele, viele Vorteile. Ich finde es immer gut, wenn man die Vorteile beider Seiten sieht und versucht, sie zusammenzubringen. Der Großkonzern hat auch Vorteile: Ich muss nicht alles selbst investieren! So habe ich die Erfahrung gemacht, dass manche Kollegen gar nicht das Verständnis dafür haben, dass Rewe für Ladeneinrichtung bis zu 1,5 Millionen Euro investiert und man selbst vielleicht höchstens 100.000 € dazugibt, um die OHG voranzutreiben. Oft sind das alte Marktleiter, die diesen Job dann machen und vielleicht noch nicht begreifen, was das heißt, zu 100 % selbstständig zu sein. 

Da haben Sie ja Glück, dass Sie den Aufbau auch miterlebt haben.

Ja, und aus meiner Sicht wird das teilweise zu wenig wertgeschätzt von den Jung-Kaufleuten, die alles hingestellt bekommen. Jetzt haben wir zwar eine gute Zeit, aber vielleicht sieht das in fünf Jahren anders aus. Der Konzern hat dann vielleicht nicht mehr so viel Geld zu investieren. Ich denke da wird es einige geben, die in einen Strudel kommen, wenn sie nicht mehr so verwöhnt werden können. 

Bei einem Franchise-System ist schon viel an Struktur vorgegeben. Worin liegen die besonderen Herausforderungen? 

Wichtig ist, sich klar zu sein, wie man das mit seiner Nachfolge machen möchte.

Das läuft dann in Etappen, aber es muss von Anfang an klar sein für alle Seiten, dass man sich nicht erst dann unterhält, wenn es so weit ist. Es muss schon vorher geregelt sein, wie die Zuständigkeiten sind, es ist gut, so viel festzulegen, wie geht.

Bei uns war das ein bisschen einfacher, weil wir diesen neuen Markt übernommen haben und mein Vater das alles auf meinen Namen gemacht hat. Aber er musste für mich bürgen, weil ich noch so jung war. Aber dadurch war klar, dass ich alleiniger Unternehmer bin. Da hatte ich noch keine GmbH und Co. KG. Das haben wir dann später umformuliert. 

Auch wie wir den Gewinn verteilen, das mussten mein Vater und ich klären. Das ist aber alles ein Prozess, der sich entwickelt.

Vorlagen-Paket für den Unternehmensverkauf

Vorschaubild von Vorlagen zum Unternehmensverkauf

7 Verkaufsvorlagen:

  1. Due Diligence Checkliste (PDF)
  2. Finance Report (Excel)
  3. Firmen-Exposé (Word)
  4. NDA-Vertrag (Word)
  5. Firmen-Inserat (Word)
  6. Letter of Intent (Word)
  7. Vorgehensplan (PDF)

Hinweis: Es kann bei T-Online Emailadressen zu Registrierungsproblemen kommen.


Der Einfluss der Digitalisierung auf die Zusammenarbeit im Markt

Sie haben ja erzählt, dass Ihr Vater das Handels-Handwerk und den Kundenkontakt geliebt hat und sehr gut darin war. Dann haben sich mit der Zeit die Abläufe ein bisschen verändert. Wie hat Ihr Vater diese Übergabe erlebt?

Mein Vater hat sich eingestanden, dass er diese neue Technik nicht mehr lernen will, aber ihm war klar, dass es nicht mehr ohne geht. Und ich denke schon, dass er da sehr froh war, dass er mich hatte für diese Systemumstellung. Er hat dann die Vorteile davon auch gesehen. 

Außerdem wollte er immer in große Entscheidungen einbezogen werden. Auch wo mein Bruder 2005 mit einem weiteren Markt dazukam und wo wir eine gemeinsame Firma hatten, wollte er immer, dass er in große Entscheidungen involviert ist, aber bei kleineren Entscheidungen, wie zum Beispiel bei Personal oder Waren, hat er sich herausgezogen.

Sie haben ja auch aus Ihrer Kindheit erzählt. Wie haben Ihre Eltern es geschafft, Ihnen ein positives Bild vom Unternehmertum zu vermitteln?

Meine Eltern haben das ganz gut hinbekommen, uns Kinder mit einzubeziehen. Sie haben uns eingeladen und gesagt “Komm doch mal mit”, oder “ich nehme dich mal mit”. Wenn das nicht in Arbeit ausartet und man einfach mal gucken darf, macht das neugierig. So haben sie uns das ein bisschen schmackhaft gemacht. 

Wenn Sie in einer Unternehmerfamilie leben, kriegen Sie ja auch viele Gespräche mit, weil das immer Thema zu Hause ist. Und ich finde ganz wichtig, dass man nicht nur das Familienunternehmen sieht, sondern, dass das Kind auch die Branche und den Großkonzern ein bisschen kennenlernt. Da ist bei mir ja dann der Funken übergesprungen. Und wenn man neben den Eltern als Jugendlicher noch die Zentrale oder tolle Leute kennenlernt, die da mitarbeiten, dann ist das schon was anderes. Das würde ich bei meinem Sohn auch so machen, dass er nicht nur mich siehst, sondern, dass ich ihn zum Beispiel zu einem guten Kollegen ins Praktikum schicke, wenn er das machen möchte. Oder ich nehme ihn mit auf eine der vielen Messen. Es gibt so viel, womit man spielen kann. 

Gibt es denn in der Branche jetzt auch so einen Nachfolgermangel, wie wir es in vielen anderen Branchen sehen?

Ja, das hört man immer wieder, auch in der Rewe-Welt. Man ist dankbar, wenn es Kinder gibt von Unternehmern oder von Partnern, die man fördern kann. 

Es ist immer gern gesehen, wenn ein Marktleiter oder Assistenten oder selbstverständlich Kinder von Unternehmern sich melden für eine Nachfolge. Da gibt es verschiedene Projekte wie Aufbauseminare zur Vorbereitung. Diese Frage wird sich in Zukunft auch mit Sicherheit nicht verringern. Es wird immer noch schwierig sein, Nachfolger oder überhaupt Jungunternehmer zu finden.

Dann könnte ich mir vorstellen, dass es durchaus von Vorteil ist, in so einer Organisation eingebunden zu sein, weil sich dann ja die Möglichkeit bietet, noch einen zweiten oder dritten Markt übernehmen?

Ja, das ist ein großer Vorteil, weil man in so einem Verbund natürlich viele Kontakte hat. Auch Engagement wird gern gesehen. Ich unterstütze junge Kaufleute in der politischen Arbeit. So etwas ist natürlich auch gern gesehen, denn auch in so einer großen Organisation brauchen Sie Unternehmer, die ein bisschen über den Tellerrand schauen. Leute, die nicht nur ihren Markt oder ihre zwei Märkte toll machen, sondern die sich als Teil einer Gruppe fühlen und die ganze Gruppe nach vorne bringen möchten. Das wird dann bei Bewerbungen positiv gesehen. Gerade wenn der zu vergebene Standort irgendwo der Nähe ist, hat man vielleicht etwas mehr Chancen. 

Worüber wir viel mit anderen Nachfolgern sprechen, ist auch die Herausforderung, die bestehenden Mitarbeiter mitzunehmen in die neue Führung. Darüber haben Sie noch gar nicht gesprochen.

Das war bei uns auch ein bisschen einfacher. Wir haben ein paar Mitarbeiter mitgenommen in den neuen Markt, weil der nicht weit weg war. In dem halben Jahr, wo ich vorher da war, habe ich das aus meiner Sicht positiv wahrgenommen, wie ich als Neuer mit den Mitarbeitern klarkam. Die mochten den frischen Wind. 

Wichtig ist, dass es klar strukturiert ist in allen Bereichen: Wer ist Ansprechpartner wofür? Dann hat mein Vater immer öfter gesagt: “Besprechen Sie das mit meinem Sohn”.

Es gab dann diesen Umschwung, wo für alle klar war, dass ich derjenige bin, der das letzte Wort hat. Aber natürlich habe ich mich da mit meinem Vater über wichtige Dinge beraten.

Heute mache ich das ganz anders. Heute beziehe ich meine vier Schichtleiter oder Marktleiter und Assistenten mit ein. Die müssen jeweils ihr Veto geben oder dafür sprechen. Ich bin derjenige, der am Ende dann entscheidet, aber ich beziehe mein Team immer mehr ein, wogegen früher alles in der Familie entschieden wurde. 

Und man hat andere Öffnungszeiten und ist nicht mehr von 5 Uhr morgens bis 22 Uhr abends vor Ort, das ist auch klar. Das hat sich immer mehr zu einem richtigen Unternehmen entwickelt, stelle ich fest und das erfreut mich.  

Haben Sie zum Schluss noch einen Tipp für die Nachfolge in dieser speziellen Branche?

Ja, ich kann den Tipp geben, dass man sich rechtzeitig Gedanken macht um die Nachfolgestruktur und dass man sein Kind richtig fördert. Gerade, wenn man in so einer Organisation ist. Dass man dem Kind viel vom Handel und der Organisation zeigt und dann, wenn es so weit ist, fragt: “Kommst du mit in die Gesellschaft?” Prozente und Anteile am besten vorher besprechen! Ich bin für Transparenz. Wenn man sich in der Familie geeinigt hat, dass dann den Mitarbeitern übermitteln und die Aufgaben klären. Ich denke, das sind die beiden wichtigsten Säulen.

Dann bedanke ich mich auf jeden Fall hier schon mal für das Gespräch. 

Vielleicht haben Sie auch eine spezielle Frage zu der Thematik, wenn Sie einen Supermarkt Rewe City kaufen oder verkaufen wollen. Hier haben wir einen wunderbaren Ansprechpartner, der auch für Rückfragen bereitsteht. Und damit kommen wir auch langsam zum Ende der heutigen Sendung. Und ja, noch mal herzlichen Dank, Herr Ahmed, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

Sehr gerne hat. Hat mir viel Spaß gemacht.