Abonnieren:

Episode #004: Interview mit DIHK zur aktuellen Unternehmensnachfolge-Situation in Deutschland

Letzte Aktualisierung des Artikels am 28. September 2022 von Lars

Situation zur Unternehmensnachfolge im deutschen Mittelstand

Nach derzeitigem Stand sehen die IHK im Thema der Unternehmensnachfolge in Deutschland Lichtblicke, da es insgesamt mehr Interessenten für eine Übernahme gibt. Dennoch bleiben die Herausforderungen für die Unternehmensnachfolge groß, da immer noch viele Senior-Unternehmer Probleme bei der Nachfolge haben. 

Die Zahlen zum Generationswechsel in deutschen Unternehmen stammen aus einem jährlichen Bericht der DIHK (Deutscher Industrie- und Handelskammertag), welcher auf Umfragen aus 21.000 Unternehmern und Nachfolgern beruht. Der DIHK ist der Dachverband der insgesamt 79 IHK in Deutschland. 

 

Der aktuelle Stand der Unternehmensnachfolge in Deutschland

Aufgrund der vielen Schwierigkeiten ist der Mittelstand zunehmend für das Thema Unternehmensnachfolge sensibilisiert. Zwar wird die Nachfolge nicht öffentlich gemacht, sondern geheimgehalten, dennoch ist sich der Mittelstand stärker bewusst, dass Nachfolge kein Selbstläufer ist. Auch weil gesehen wird, dass Kinder zunehmend eigene Wege gehen, was die Nachfolge weiterhin erschwert.

Insgesamt lässt sich laut DIHK festhalten, dass der Mittelstand sich öffnet, mehr Informationsbedarf vorhanden ist und immer mehr Senior-Unternehmer und Nachfolger die Veranstaltungen der IHK besuchen. 

Die Alterssituation der Verkäufer hat sich über die letzten Jahre nicht verändert, sondern lediglich die Anzahl. Was sich auch nicht verändert ist, dass sich die Unternehmer generell zu spät externen Rat einholen. Eine Hausregel besagt, dass man 10 Jahre vorher anfangen sollte, das Unternehmen für die Nachfolge fit zu machen. Dazu gehört es nicht nur einen Nachfolger finden, sondern auch das Unternehmen vorher ausführlich in vielen Belangen zu checken, den Investitionsbedarf zu ermitteln, die Produkte oder Dienstleistung auf Wettbewerbsfähigkeit zu prüfen und vieles mehr.

Auch das Thema Digitalisierung sollte als große Chance für den Mittelstand und die Unternehmensnachfolge in Deutschland angesehen werden. Der Mittelstand selber ist sich der Herausforderung der Digitalisierung bewusst. 

Je älter ein Unternehmer, desto weniger investitionsfreudig ist dieser im Durchschnitt. Aus diesem Grund gibt es Firmeninhaber, die sich zu spät mit dem Thema Digitalisierung beschäftigen. Genau diese werden es schwieriger haben, einen passenden Nachfolger zu finden.

Die Herausforderungen in der Unternehmensnachfolge

Die größte Herausforderung zwischen Unternehmer und Nachfolger ist der Kaufpreis, denn normalerweise werden zu hohe Preise verlangt. 

Gründe für die höheren Preisvorstellungen der Senior-Unternehmer gibt es viele. Einige Unternehmer wollen ihr Lebenswerk nicht loslassen, andere wollen bis zum Lebensende abgesichert sein. Wieder andere rechnen die sogenannte Herzblut-Rendite mit in den Kaufpreis ein oder vernachlässigen vom Nachfolger zu tätigende Investitionen. 

Der Käufer hingegen hat eine eher nüchterne Perspektive auf das Unternehmen und hat preis mindernde Nachinvestitionen, Strukturänderungen und Marktentwicklungen im Hinterkopf. Aus diesen Gründen ist er nicht bereit, solch hohe Preise zu zahlen.

Gerade die ostdeutsche Wirtschaft ist stärker durch kleine Unternehmen geprägt, als die alten Bundesländer, wo es anteilig mehr Industrieunternehmen gibt. In neuen Bundesländern gibt es besonders viele Unternehmen im Handel, in der Gastro, Hotels und Gaststätten. Diese sind durch Wettbewerbsdruck gezeichnete Branchen, in denen die Margen nicht so hoch sind und ein Strukturwandel stattfindet. Das macht es noch schwieriger, einen Nachfolger zu finden. 

Kleinere Unternehmen werden teilweise sehr mit dem Unternehmer selbst identifiziert. Die Herausforderung liegt darin, sich frühzeitig als Inhaber herauszulösen, damit der Betrieb nicht zum Erliegen kommt, sofern der Senior-Inhaber die Firma verlässt.

 

Sind die Qualifikationen des Nachfolgers ausreichend?

Laut DHIK unterschätzen 40 Prozent aller Übernahmeinteressenten die Aufgabe als Nachfolger. Die Übernahme ist aufgrund vieler komplexer Änderungsprozesse alles andere als die Gründung „im gemachten Nest“. Ein Nachfolger muss neue Investitionen tätigen, neue Strukturen und Strategien implementieren und die Digitalisierung durchführen. Besonders die Übernahme des Mitarbeiterstammes gilt als besondere Herausforderung, denn hier werden Führungsqualitäten, Führungserfahrung und Fingerspitzengefühl benötigt. 

Es ist eine große Herausforderung für Nachfolger, sich in Rolle des Unternehmers zu stürzen. Hier ist es besonders wichtig, Fachleute auf seiner Seite zu haben. Gerade bei der Digitalisierung ist es wichtig, sich klarzumachen, dass man nicht alles selber können muss. Der offene Blick auf folgende beispielhafte Fragen ist notwendig:  

  • Wo muss ich was ändern?
  • Was kann ich selber machen?
  • Wo muss ich externen Rat holen und trotz gefühltem Kontrollverlust outsourcen? 
  • Was braucht es, um langfristig erfolgreich zu sein?
  • Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Nachfolge misslingt?

Eines ist jedoch klar – Es gibt keine Standardformel für die Unternehmensnachfolge in Deutschland. Besonders hilfreich ist allerdings, sich entsprechendes Branchen Know-how anzueignen, den Prozess der Unternehmensbewertung zu verstehen, das Herzblut aus der Unternehmenswertung herauszurechnen, das Unternehmen in einen übergabefähigen Zustand zu bringen und sich in die Lage des zukünftigen Nachfolgers hineinzuversetzen.

Innerfamiliäre Nachfolgen

Die familieninterne Unternehmensnachfolge in Deutschland ist meist die gewünschte Form der Nachfolge und wird auch heute noch in knapp 50 % aller Nachfolgen angewandt. Jedoch gibt es immer größere werdende Schwierigkeiten diese Nachfolge sicherzustellen, da Kinder immer öfter andere Wege gehen wollen, als deren Eltern. Hier ist es wichtig, persönliches „internes Marketing“ zu Hause zu betreiben, damit das Unternehmen zu Hause von den Kindern auch als positiv wahrgenommen werden kann.

Die demografische Entwicklung verschärft das Problem.

Neben dem familieninternen Marketing ist es extrem wichtig, rechtzeitig mit der Nachfolge innerhalb der Familie zu beginnen. 

Ein Zahlenbeispiel: 

Wenn ein/e Unternehmer/in beispielsweise mit 65 Jahren aufhören möchte, um eine Weltreise oder ähnliches zu unternehmen, dann sollte er/sie bereits mit 55 Jahren anfangen, die familieninterne Nachfolge vorzubereiten und offen kommunizieren. 

Hoher Branchendruck in der Unternehmensnachfolge in Deutschland

Laut Daten der IHK und unabhängigen Beratern hat die Industriebranche den größten Druck, einen Nachfolger zu finden. Das aktuelle Verhältnis ist fünf zu eins, sprich fünf Unternehmen treffen auf einen Übernahmeinteressenten. Gründe dafür sind, dass die Industrie einen besonders hohen Kapitalbedarf benötigt. Außerdem ist spezifisches Know-how notwendig, um ein im Maschinenbau oder in der Chemie tätiges Unternehmen fortzuführen und umzustrukturieren. Diese Probleme kommen auf die unternehmerische Herausforderung darauf, weshalb der Kreis potenzieller Nachfolger noch kleiner wird. 

Auch in regionalen Branchen wie Handel und Gastro beträgt das Verhältnis 2:1. Gründe sind hier der große Wettbewerbsdruck und Umstrukturierungen. Zudem werden keine üppigen Margen erwartet, weshalb extra Überzeugungsarbeit notwendig wird. 

Arbeit im Team oder als Alleingänger?

Es gibt keine pauschale Aussage, ob im Team gearbeitet werden sollte oder nicht. Die Nachfolge ist wie eine Gründung zu betrachten. So kann es auch notwendig oder möglich sein, die Nachfolge im Team anzutreten. Jedoch muss auch bei der alleinigen Gründung ein hohes Maß an Teamfähigkeit vorhanden sein. Als Nachfolger ist es außerdem essenziell wichtig, sich in ein Team einzufinden, da teilweise schon qualifizierte Kräfte vorhanden sind. Gerade im Mittelstand verstehen sich Unternehmen als Teams. 

 

Aus diesem Grund ist die Führungskompetenz die zentrale Kompetenz, die notwendig ist, wenn ein Betrieb übernommen werden soll. Darauf satteln branchenspezifische Fähigkeiten hinauf.