Das Substanzwertverfahren – Lexikon: Episode #018

Christian Rommel
28. März 2017

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Nachdem wir in der letzten Lexikon Episode die Unterscheidung von Unternehmenswert und -preis sowie die unterschiedlichen Methoden zur Unternehmensbewertung vorgestellt haben, widmen wir uns in dieser Episode dem Substanzwertverfahren.

Fragen, die wir in dieser Episode zum Substanzwertverfahren beantworten:

Was ist die grundsätzliche Idee, wenn man eine Firma anhand ihrer Substanz bewertet?

Ermittelt man eine Firma nach dem Substanzwertverfahren, geht man davon aus, dass sich der Wert der ganzen Firma aus der Summe der Werte aller einzelnen Vermögensgegenstände zusammensetzt. Zieht man davon noch die Schulden ab, kommt man zum Wert des Eigenkapitals.

Wie wird der Substanzwert genau ermittelt?

Welches Verfahren benutzt wird, hängt davon ab, WER die Firma bewertet bzw. in wessen Auftrag die Bewertung durchgeführt wird. Speziell im Zusammenhang mit der Unternehmensnachfolge müssen wir hier den Übergeber/Verkäufer und den Übernehmer/Käufer unterscheiden. Das Bewertungsverfahren ist genauso für unentgeltliche Übertragungen, also insbesondere familieninterne Schenkungen etc. anzuwenden. Daher soll in der Folge von Übergebern und Übernehmern gesprochen werden.

Wie geht der Übergeber bei der Bewertung vor?

Der Übergeber bewertet das Unternehmen, indem er den Wert ermittelt, den er erzielen würde, wenn er etwas anderes mit der Firma machen würde als sie als Ganzes auf den Übernehmer zu übertragen. Beim Substanzwert heißt das, er würde alles an Vermögen einzeln verkaufen. Da das Unternehmen danach praktisch nicht mehr existiert, spricht man hier von einem Liquidationswert. Der Liquidationswert setzt sich aus den am Markt erzielbaren Preisen für das veräußernder Anlage- und Umlaufvermögen zusammen, wovon allerdings die Kosten der Veräußerung wie etwaige Maklercourtagen, Transportkosten und Spesen abzuziehen sind. Ebenfalls sind die Schulden abzuziehen, die aus dem Verkaufserlös des Vermögens abgelöst werden müssten. Die Bewertung von weit verbreiteten Vermögensgegenständen kann relativ leicht über Marktplätze und Börsen vorgenommen werden. Bei anderen Werten sollte aber ggf. ein Gutachten eingeholt werden, so z.B. bei Immobilien oder Anteilen an anderen Gesellschaften.

Was ist der Unterschied bei der Bewertung durch den Übernehmer?

Anders als der Übergeber, hat der Übernehmer die Firma ja noch nicht in seinem Besitz. Er ermittelt daher den Substanzwert, indem er sich vorstellt, er würde nicht die Firma als Ganzes übernehmen, sondern sie gewissermaßen “auf der grünen Wiese” exakt nachbauen. Deshalb wird der Substanzwert aus der Sicht des Übernehmers auch als Reproduktionswert bezeichnet. Der Reproduktionswert beinhaltet daher alle Ausgaben, die der Übernehmer auf sich nehmen müsste, um z.B. die gleiche Anzahl Maschinen und Fahrzeuge zu erhalten, genau wie das zu bewertende Unternehmen – allerdings nicht neuwertig, sondern im gleichen Zustand und Alter wie die des Unternehmens. Das gleiche gilt auch für immaterielle Ressourcen, die evtl. gar nicht in der Bilanz auftauchen, so z.B. die Marke, Patente oder das Mitarbeiter-Know-How.

Wo liegen die Vorteile von dem Substanzwertverfahren?

Der Substanzwert, egal ob als Liquidations- oder Reproduktionswert ermittelt, ist eine Größe, die sich relativ leicht ermitteln lässt. Außerdem haben viele Unternehmer das Gefühl, einen greifbaren, nachvollziehbaren Wert vorliegen zu haben.

Was sind Nachteile der Bewertung mit dem Substanzwert?

Ein erster Nachteil besteht darin, dass bei der Ermittlung des Substanzwerts häufig der Fehler gemacht wird, sich stark an der Bilanz zu orientieren. In vielen Unternehmen gibt es aber auch Vermögen, das nicht in der Bilanz auftaucht, z.B. Patente oder eine eigene Marke. Auch der Kundenstamm kann unter Umständen veräußert werden und muss deshalb in die Bewertung mit einfließen, damit er bei der Ermittlung des Substanzwertes nicht vergessen wird. Ein zweiter Nachteil ist, dass der Substanzwert nur die Einzelteile einer Firma bewertet, nicht jedoch den Mehrwert, der aus ihrer Verbindung entsteht. Ein Unternehmen kombiniert die eigenen Ressourcen, um damit Gewinne zu erwirtschaften. Das wird im Substanzwertverfahren unterschlagen.

Welche Rolle spielt der Substanzwert bei der Nachfolge?

Ein professionelles Bewertungsgutachten ermittelt den Unternehmenswert immer mit mehreren Methoden, um eine umfassende und plausible Einschätzung zu erhalten. Im Normalfall stellt der Substanzwert aus Sicht des Übergebers die absolute Minimum dessen dar, was er als Kaufpreis akzeptieren würde. Die anderen Verfahren, also die Bewertung mit dem Ertragswert oder mit Multiplikatoren, kommen regelmäßig zu höheren Werten, an denen sich dann meist auch die Kaufpreisverhandlung orientiert. Es kann aber auch dazu kommen, dass der Substanzwert über dem Ertragswert liegt. Das ist zum einen bei unrentablen Unternehmen der Fall, die im Verhältnis zum investierten Kapital zu wenig Gewinn erwirtschaften. Da es bei der Bewertung grundsätzlich um die zukünftigen Erträge geht, kommt es zu dieser Situation auch, wenn die Übergabefähigkeit der Unternehmung gering ist und daher nicht mehr mit Gewinnen gerechnet werden kann, sobald der Übergeber die Unternehmung verlassen hat. Zum anderen kommt es bei kleineren Unternehmen häufiger vor, dass der Substanzwert den Ertragswert übersteigt, insbesondere dann, wenn die Firma über Immobilieneigentum verfügt. Im Steuerrecht stellt der Substanzwert für viele Fälle die untere Grenze der Bewertung dar. Letztendlich erschwert der Umstand, dass der Substanzwert über dem Ertragswert liegt, sehr häufig die Nachfolge ganz erheblich.
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