Betriebsübergabe an den Sohn – Eine Achterbahn der Gefühle | Episode #051

Die Betriebsübergabe an den Sohn kann für die ganze Familie zur emotionalen Achterbahn werden. Unser Interviewgast heißt Matthias Schultze. Er ist Inhaber der Firma Heyse Malerbetrieb und hat die familieninterne Nachfolge mit allen Höhen und Tiefen durchlebt. Vom ehrgeizigen Wille im Betrieb des Vaters Veränderungen voranzutreiben, über Konflikte im Führungsstil, bis zur totalen Überbelastung und vier Jahre Arbeitsunfähigkeit, war alles dabei. Welche Fehler passiert sind, wie man sie hätte vermeiden können und wie die Betriebsübergabe an den Sohn doch zum Erfolg werden konnte, erfahren Sie in diesem Interview.

Vor der Betriebsübergabe an den Sohn – erst einmal Erfahrungen im fremden Betrieb sammeln

Für den Vater war von Anfang an klar, dass der Sohn den Betrieb eines Tages übernehmen wird, um das Lebenswerk weiterzuführen. Doch Matthias Schultze hatte ganz andere Pläne. Denn er hat gesehen, dass der Vater meist der Familie fern war. Was zu der Zeit vielleicht so sein musste, jedoch nicht den Lebensvorstellungen des Sohnes entsprach. Dennoch hat Matthias Schultze den Schritt in die Malerausbildung bei einem externen Betrieb gewagt. Dort durfte er eine hervorragende Ausbildung genießen, in der er eine ganz neue und schöne Perspektive des Malerhandwerks entdecken konnte.

Führung und Weiterentwicklung – alt vs. jung

Nach der Ausbildung im fremden Betrieb, war der Weg in das väterliche Unternehmen für Matthias Schultze besonders schwer. Denn der unternehmerische Antrieb und die neuen Ideen trafen beim Vater auf viel Gegenwind. Vater und Sohn hatten unterschiedliche Vorstellungen davon, was es bedeutet den Betrieb modern zu halten, damit der Betrieb auch in Zukunft erfolgreich sein kann. So fand die Digitalisierung von Arbeitsprozessen und der Kundengewinnung sehr schleppend Akzeptanz. Die entstehenden Konflikte bei der Betriebsübergabe an den Sohn blieben dabei nicht unter vier Augen. Was zur Folge hatte, dass Matthias Schultze große Probleme hatte als Führungsperson akzeptiert zu werden. Dennoch entschloss sich der Sohn zu MACHEN und hat seine Veränderungsprozesse durchgesetzt. Das wurde durch neu gewonnene Kunden belohnt.

Wenn der Sohn sich nach der Betriebsübergabe in der ungewollten Rolle seines Vaters wieder findet

Im ersten Moment mag man denken, dann sei alles gut gelaufen. Doch was ist, wenn der Sohn nie die Rolle seines Vaters einnehmen wollte? Nach einigen Erfolgen sah sich der Vater im Jahr 2001 bereit, 50 Prozent der Firmenanteile an seinen Sohn zu übertragen und damit auch mehr Verantwortung. Eine Verantwortung, die dem ehrgeizigem Sohn acht Jahre später zum Verhängnis wurde. Nach der Übertragung folgten knallharte Arbeitsjahre mit zeitweise über 100 Arbeitsstunden pro Woche, weil Matthias Schultze nicht nur Verantwortung für die Firma, sondern auch für die gesamte Familie übernehmen wollte. Der Laden brummte und die Firmenübergabe an den Sohn zog sich hinaus.

Für den mittlerweile verheirateten Familienvater stand der Erfolg der Firma immer an erster Stelle. Die Familie existierte nebenbei. Und plötzlich fand sich Matthias Schultze in der Rolle seines Vaters wieder. Der seiner Zeit viel zu wenig Zeit mit seinem Sohn verbrachte. Die Tatsache, für alles und jeden Verantwortung übernehmen zu wollen, führte nach und nach zu einer völligen Überlastung. Dabei wollte er es doch ürsprünglich besser machen als sein Vater.

Unternehmer Radio - Betriebsübergabe an den Sohn - führt zum Burnout

Der Rückschlag in 2009 und wie dieser Wunschkunden hervorbrachte

Matthias Schultze hatte sich über die letzten Jahre bewiesen. Das Unternehmen wuchs auf 60 Mitarbeiter an. Die Umsätze stiegen. Alle Zeichen standen auf Erfolg. Dann kam ein Projekt, für dessen Scheitern der junge Nachfolger Verantwortung übernahm. Die Firma stand vor dem Ruin. Der Vater sprang ein und hat das Ruder wieder übernommen. Die Betriebsübergabe an den Sohn stand vor dem Aus.

Der Druck erfolgreich zu sein und die komplette Verantwortung dafür zu übernehmen, brachte Matthias Schultze in eine schlimme Lebenskrise. Was folgte, war eine vierjährige Arbeitsunfähigkeit. Die Arbeit mit einem Trainer, viele Bücher, ein Aufenthalt in einer Spezialklinik und der Wille zu dem visionären Unternehmergeist zurückzukehren, haben den jungen Unternehmer motiviert weiterzumachen. Der Führungsstil des Vaters war für Matthias Schultze in der heutigen Zeit und nach seiner Philosophie nicht mehr tragbar. Also legte er seinem Vater vier Kaufangebote vor, um sich endgültig von seinem Vater geschäftlich zu trennen.

2013 ging es dann weiter. Wichtig war, sich vom bisherigen Ballast zu lösen, um ganz neu anfangen zu können. Mit frischer Energie machte sich Matthias Schultze an die Arbeit und entwickelte eine Social Media Strategie, um über die Erlebnisse, aber auch über das tägliche Arbeitsleben im Betrieb und die Arbeitsergebnisse auf einem Blog öffentlich zu sprechen. Daraus ergaben sich Anfragen von Wunschkunden, die beim Heyse Malerbetrieb genau das an Emotion gekauft haben, was sie zuvor auf dem Blog gelesen haben.

Unternehmer müssen delegieren

Daraus ergab sich viel freie Zeit sich mit den Dingen zu beschäftigen, die einen als Unternehmer mit Freude erfüllen. Matthias Schultze hat eine neue Freiheit gefunden, weil er gelernt hatte Verantwortung abzugeben. Die grundsätzlichen Fragen, die ihn dort hinführte war: Was motiviert mich? Was erschöpft mich? Welche Aufgaben, die mich erschöpfen, kann ich an andere Mitarbeiter im Betrieb übergeben, die diese Aufgabe lieber und besser erfüllen? 90 Prozent der Aufgaben drehten sich von da an nur noch darum am (!), statt im (!) Unternehmen zu arbeiten. Dadurch stieg die Mitarbeiterzufriedenheit, Markenwahrnehmung von außen und die Qualität der Kundenaufträge.

Wie die Betriebsübergabe an den Sohn gelingen kann

Matthias Schultze empfiehlt den Alt-Inhabern, die Perspektive des Nachfolgers einzunehmen und sich die Fragen zu stellen: Will ich das, was ich im Betrieb erlebe an mein Kind übergeben? Welche Bedürfnisse hat der Nachfolger? Wie denkt und fühlt er/sie? Was bedarf es an Veränderung? Hinschauen und überlegen, was genau im Betrieb an den Nachfolger angepasst werden muss, um die Firma erfolgreich weiterführen zu können. Denn bei der Betriebsübergabe an den Sohn oder die Tochter geht es um den Erhalt des Unternehmens. Das sollte immer im Vordergrund stehen. Das eigene Ego hat in diesem Prozess nichts zu suchen. Darüber hinaus sollte klar sein, ob das Unternehmen überhaupt in der Lage ist von einem neuen Chef geführt zu werden? Oder hängt der Betrieb so sehr am Alt-Inhaber, dass zunächst an der Übergabefähigkeit gearbeitet werden muss? Sich einer Veränderung öffnen und altes loslassen. Denn es kann nicht genau wie vorher weiterlaufen, wenn eine neue Führungsperson an der Spitze ist. Dafür sind Menschen einfach zu unterschiedlich.

Unternehmer Radio - Betriebsübergabe an den Sohn - Im Interview mit Matthias Schultze

Mit dem Herzen denken

Die Veränderung in Betrieben stockt manchmal in den alten Gewohnheiten. Schlägt der Sohn mit neuen Ideen und Veränderungsprozessen auf, kann das zum Widerstand beim Senior führen. Bei dem Wettbewerb, den man heute am Markt vorfindet, ist es unerlässlich, dass neue Dinge ausprobiert werden müssen. Wir müssen uns am Markt ausrichten, uns spezialisieren und sich an den guten Wettbewerbern orientieren und von Ihnen lernt. „Nur so kann man wachsen“, meint Matthias Schultze.
Genau an diesem Punkt waren Vater und Sohn damals unterschiedlich. Deswegen war die damalige Trennung eine harte, aber auch eine richtige Entscheidung, so der Junior. Denn heute blicken beide sehr stolz auf das, was der Sohn aus der Firma geschaffen hat.

Und auch die Zukunft hält viel neues bereit. Mit der Mein Maler Akademie hat der Matthias Schultze ein neues Herzensprojekt geschaffen, das nicht nur für Maler, sondern für alle Handwerker mit Mittelstand offen ist, um sich in Sachen Mitarbeiterführung, Marketing, Positionierung und vieles mehr weiterzubilden.

Zur Person: Matthias Schultze ist gelernter Maler und Lackierer, hat seinen Meister mit Schwerpunkt Betriebswirtschaft und Marketing gemacht und ist 2001 als Geschäftsführer im Betrieb des Vaters eingestiegen. Bis 2010 haben Vater und Sohn das Unternehmen zusammen geführt. Sein zweites großes Interessengebiet gilt dem Internet Marketing. So führt der Visionär heute auch ein großes Partner-Netzwerk als Franchise Unternehmen für die Digitalisierung im Handwerk. Darüber hinaus hält er regelmäßig Vorträge für Social Media und Internet Marketing und hat auch einen Leitfaden für Social Media im Handwerk geschrieben.